Mehr Risiko durch Vollgeld?

Neue Zürcher Zeitung, 20. Oktober 2017, S. 9

Der Ständerat hat kürzlich über die Vollgeldinitiative debattiert und sich, wie bereits der Bundesrat, für ihre Ablehnung ausgesprochen. Das zentrale Argument gegen die Vollgeldinitiative war, dass ihre Umsetzung ein riskantes Experiment wäre. Die bürgerlich-liberalen Kräfte im Ständerat sahen das Risiko einer Vollgeldreform in erster Linie darin, dass die Wettbewerbsfähigkeit der Banken sinken würde und die Schweizerische Nationalbank (SNB) die Kreditrisiken der Banken übernehmen und die Kreditvergabe zentral steuern müsste.

Gemäss der Initiative sollen wichtige Vorteile von Vollgeld die erhöhte Sicherheit für Bankkunden sowie ein stabileres Geld- und Bankensystem sein. Deshalb wiegt die Kritik schwer, Vollgeld sei mit grossen Risiken verbunden. Es stellt sich aber die Frage: Ist diese Kritik begründet?

Betrachten wir zuerst die Rolle der SNB! Aus Sicherheitsgründen werden Überweisungen zwischen Banken schon heute in Vollgeld abgewickelt. Das ist Aufgabe der SNB. Die Banken haben heute sehr hohe Guthaben in Höhe von insgesamt 480 Mrd. Franken bei der SNB. Weil dieses Geld bereits Vollgeld ist, könnten die Banken die virtuellen Sichtguthaben der Bankkunden in Höhe von insgesamt 510 Mrd. Franken schon heute fast vollständig in Vollgeld umwandeln. Dadurch würden die Sichtguthaben der Bankkunden so krisensicher werden wie das Bargeld.

Auch wenn die SNB den Banken nach einer Vollgeldreform Geld leihen müsste, damit sie genug Geld für die Kreditvergabe haben, würde die SNB das Kreditrisiko der Banken nicht übernehmen. Im Vollgeldsystem haften private Investoren für die Bankkredite, während die Entscheidung, wer mit welchen Konditionen einen Kredit bekommt, weiterhin bei den Banken bleibt. Die SNB steuert im Vollgeldsystem die Geldmenge, nicht die Kreditvergabe, und die Marktverhältnisse bestimmen, wie gross der für Kredite verwendete Anteil an der Geldmenge ist. Deshalb beruht die Kritik, Vollgeld bedeute eine Zentralisierung der Kreditvergabe, auf einem fundamentalen Fehlverständnis.

Wenn die SNB den Banken Geld leihen würde, könnte sie im Extremfall auch nach einer Vollgeldreform von einer Bankpleite betroffen sein. Bankpleiten sind im Vollgeldsystem aber viel weniger wahrscheinlich als heute, weil die schuldfreie Emission von Vollgeld zu einer markanten Reduktion der allgemeinen Verschuldung führt. Dies bestätigt eine Studie des Internationalen Währungsfonds aus dem Jahr 2012 (IMF WP/12/202). Während die Geldversorgung des Publikums heute ausschliesslich über Kredite möglich ist, kann im Vollgeldsystem die Geldmenge erweitert werden, ohne die Verschuldung zu erhöhen. Vollgeld würde Kreditrisiken somit erheblich verringern und dadurch zur Stabilität der Wirtschaft beitragen. Dieser wichtige Aspekt wurde in der Ständeratsdebatte nicht berücksichtigt.

Die Einführung von Vollgeld würde auch zur Stabilität der öffentlichen Haushalte beitragen, weil das durch die SNB schuldfrei emittierte Vollgeld über öffentliche Ausgaben in Umlauf gelangt. Die Vollgeldinitiative sieht nämlich vor, dass der Gewinn aus der Geldemission nicht nur den Banken, sondern der ganzen Bevölkerung zugutekommt. Das ist ein Gebot der Gerechtigkeit, denn die Landeswährung ist ein Gemeingut. Die Kaufkraft des Schweizer Frankens entsteht ja durch die Arbeit aller Bürgerinnen und Bürger in unserem Land. Die in der Ständeratsdebatte geäusserte Kritik, dass eine Vollgeldreform die Wettbewerbsfähigkeit der Banken beeinträchtigen würde, trifft also insofern zu, als die Banken auf ihre Gewinne aus der Geldemission zugunsten der ganzen Bevölkerung verzichten müssten.

Es ist verblüffend, dass sich in der Debatte mehrere Ständeratsmitglieder um die Wettbewerbsfähigkeit der Banken Sorgen machten, während die Fragen der Gerechtigkeit und des Gemeinwohls in Zusammenhang mit der Geldemission überhaupt nicht zur Sprache kam.

Man muss ein sehr eigenwilliges Verständnis von Risiko haben, wenn man der Meinung ist, dass das Vollgeldsystem ein grösseres Risiko darstellt als das bestehende Geld- und Bankensystem, das vor zehn Jahren die ganze Weltwirtschaft fast in den Abgrund gerissen hat. Das Finanzsystem ist seither kaum sicherer geworden, im Gegenteil: Die unter der Bezeichnung „ultralockere Geldpolitik” durch die Zentralbanken weltweit – auch durch die SNB – verfolgte Symptombekämpfung, stellt viel eher ein riskantes Experiment dar, als eine Vollgeldreform, welche die Probleme an der Wurzel packt.

Mark Joób

 

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Prof. Dr. Mark Joób

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