Probleme des Geldsystems und die Notwendigkeit von Vollgeld

Heise.de, Telepolis, 30. April 2020

In dem unlängst auf Telepolis publizierten Artikel behauptet Jörg Gastmann, dass das aktuelle Geldsystem unproblematisch, Reformvorschläge wie Vollgeld überflüssig und die Beschäftigung mit dem Thema reine Energieverschwendung ist. Leider hat Gastmann tatsächlich zu wenig Energie in das Thema investiert, denn seine Ausführungen zeugen von fachlicher Unkenntnis.

Gastmann behauptet am Anfang seines Artikels: „Geld (als gesetzliches Zahlungsmittel) entsteht an zwei Orten: Bei Zentral- und Geschäftsbanken.” Das ist falsch. Ausschließlich Zentralbanken können heute gesetzliches Zahlungsmittel erzeugen, das Giralgeld der Geschäftsbanken ist nur ein Geldersatz. Aus diesem Grund besteht im aktuellen Geldsystem die Gefahr, dass Kunden im Fall eines Vertrauensverlusts ihre Bank stürmen, um ihr Geld in bar abzuheben, und die Bank nur einen Bruchteil der Kundengelder auszahlen kann, weil sie nur beschränkt über gesetzliche Zahlungsmittel verfügt. Dass zwischen dem gesetzlichen Zahlungsmittel, welches für die Öffentlichkeit allein in Form von Bargeld zugänglich ist, und dem Giralgeld der Banken ein Unterschied besteht, mussten Bankkunden in Zypern im Jahr 2013 schmerzlich erfahren, als sie infolge der Eurokrise trotz Einlagensicherung einen Teil ihrer Ersparnisse verloren.

Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass auch die Aussage von Gastmann, wonach ein Verbot der Giralgeldschöpfung durch Geschäftsbanken „nichts am Geld ändern” würde, irreführend ist. In Wahrheit ist das Geldsystem eng mit dem Banken- und Finanzsystem verwoben, zumal die Geschäftsbanken über 90 Prozent der öffentlich zugänglichen Geldmenge erzeugen und mit eigenem Giralgeld auch den Finanzmarkt speisen. Zentrale Probleme unseres gesamten Wirtschaftssystems lassen sich ohne eine fundamentale Reform des Geldsystems nicht beheben. So zum Beispiel das Wachstums-, das Verteilungs- und das Verschuldungsproblem.

Apropos Verschuldung: Die fachliche Unkenntnis Gastmanns spitzt sich in seiner Behauptung zu, das in Umlauf befindliche Geld sei fast vollständig schuldfrei. Zur Begründung führt er an, dass die Banken jährlich 2 Prozent ihrer Kredite abschreiben würden, das durch die Kreditvergabe erzeugte Geld aber bereits in Umlauf sei und so nach 50 Jahren praktisch die gesamte im Publikum zirkulierende Geldmenge aus den Bilanzen der Banken verschwunden sei. Wenn das stimmen würde, wäre die Mehrzahl der Banken insolvent, denn die kumulierten Abschreibungen hätten ihr Eigenkapital aufgezehrt. Auf Bankenkredite müssen aber Zinsen gezahlt werden und diese Zinsen werden so berechnet, dass das Kreditgeschäft auch nach dem Abschreiben ausgefallener Kredite rentabel ist. Die Rentabilität des Kreditgeschäfts  bestätigt der Umstand, dass die deutschen Banken im Jahr 2018 einen Zinsüberschuss (Zinserträge abzüglich Zinsausgaben) von 87 Mrd. € erwirtschafteten. Weil also die Kreditzinsen zusätzliche, die Kreditausfälle übersteigende Schulden der Kreditnehmer gegenüber den Banken darstellen, ist klar, dass in Wahrheit keine Entschuldung der Gesellschaft, wie von Gastmann beschrieben, stattfindet. Im Gegenteil: Die Summe der Kredite nimmt parallel zur Geldmenge seit Jahrzehnten fortlaufend zu, wobei sich die Forderungen der Banken, die überwiegend aus Krediten bestehen, einerseits und die Verbindlichkeiten der Banken, deren größten Teil Kundeneinlagen ausmachen, zusammen mit den zirkulierenden Banknoten andererseits die Waage halten, wie auch ein Blick in die Statistiken der Europäischen Zentralbank zeigt.

Ein grundsätzliches Problem am Schuldgeld ist, dass eine angemessene Geldversorgung der Wirtschaft nur gewährleistet werden kann, wenn sich private und staatliche Akteure zunehmend verschulden. Wirtschaftswachstum erfordert eine zumindest proportionale Erhöhung der Geldmenge, um eine lähmende Deflation zu verhindern. Eine Erhöhung der Geldmenge bedeutet im bestehenden System aber zugleich eine Erhöhung der Verschuldung, was immer wieder zu Überschuldung und Bankrott von Akteuren führt, mit potenziell desaströsen Auswirkungen für die ganze Gesellschaft, wie die Finanz- und Wirtschaftskrise ab 2007 eindrücklich gezeigt hat.

Problematisch ist des Weiteren, dass als Kredit geschöpftes Geld verzinst werden muss, was zu einem monetären Wachstumsdruck beiträgt. Schuldner brauchen nämlich mehr Geld, als sie geliehen haben, weil sie nicht nur die geliehenen Beträge zurückzahlen, sondern auch für deren Zinsen aufkommen müssen. Auch wenn die Schuldner ihre alten Kredite durch neue ersetzen, sind sie auf zusätzliche Einnahmen für die Bezahlung der Zinsen angewiesen und müssen deshalb profitabel wirtschaften. Damit aber zumindest die Mehrheit der Wirtschaftsakteure Gewinne erzielen und die Wirtschaft als Ganzes im Plus ist, muss die Geldmenge fortlaufend erweitert werden. Dabei entsteht eine für unser kapitalistisches Wirtschaftssystem typische Wachstumsdynamik, indem die Zunahme der zu verzinsenden Geldmenge einen monetären Wachstumsdruck auf die Realwirtschaft ausübt und das realwirtschaftliche Wachstum gleichzeitig nach einer Erhöhung der Geldmenge verlangt. Dieser zweifache Wachstumsdruck macht unser Wirtschaftssystem zu einer Art Schneeballsystem, das nur bei Wachstum richtig funktionieren kann und ohne Wachstum zu kollabieren droht. Das aktuelle Schuldgeldsystem trägt auf diese Weise auch zur Ausbeutung der Natur bei. Finanzielle Verschuldung forciert eine ökologischen Verschuldung gegenüber der Natur, was sich etwa darin zeigt, dass der ökologischen Fußabdruck der Menschheit die regenerierungsfähige Biokapazität der Erde bereits um 75 Prozent übersteigt.

Schließlich beschleunigen Zinsen auf die gesamte zirkulierende Geldmenge die Konzentration von Wohlstand. Zinszahlungen stellen im Ganzen einen Geldfluss von den ärmeren zu den reicheren Menschen dar, insbesondere zu den wenigen Superreichen. Diese Wohlstandskonzentration erfolgt in einem erheblichen Maß zugunsten der Geschäftsbanken und ihrer Eigentümer, welche die beträchtliche Zinsdifferenz zwischen Kredit- und Einlagezins kassieren. Der Zinseszins-Effekt erzeugt zudem ein exponentielles Wachstum von Geldvermögen. Geldvermögen an sich sind jedoch nicht produktiv. Werte können allein mit Hilfe menschlicher Arbeit erwirtschaftet werden. Weil nun immer mehr Geld verzinst werden muss, steht die menschliche Arbeit permanent unter einem monetären Druck, ihre Produktivität zu steigern und ihre Kosten zu senken, um eine Wertzunahme von Geldvermögen zu ermöglichen.

Klar: Weil die Zinsen seit der Finanzkrise ab 2007 auf einem historisch niedrigen Niveau, ja teilweise sogar negativ sind und die Zentralbanken alles tun, um die Liquidität des Bankensystems zu gewährleisten, stellen die infolge der Finanzkrise enorm gestiegenen Schulden und deren Zinsen derzeit kein akutes Problem dar. Das kann sich aber relativ schnell ändern. Angesicht der gigantischen schuldenfinanzierten Hilfspakete, die jetzt weltweit zu Linderung der negativen wirtschaftlichen Auswirkungen der Corona-Pandemie mobilisiert werden, und des krisenbedingten Rückgangs der Produktion scheint es durchaus möglich, dass in absehbarer Zeit ein starker Anstieg der Inflation einsetzt. Das würde zu einer Erhöhung der Zinsen führen und wahrscheinlich in einer Schuldenkrise enden.

Eine Vollgeldreform würde die beschriebenen, aus der Kreditgeldschöpfung und der Verzinsung der gesamten Geldmenge entspringenden Probleme erheblich lindern. Im Vollgeldsystem wären Geldschöpfung und Kreditvergabe nämlich voneinander getrennt: Die Zentralbank würde die für eine stabile Wirtschaft erforderliche Menge an Geld schuldfrei erzeugen und in die öffentlichen Kassen einzahlen. Das Geld käme dann über Ausgaben der öffentlichen Hand in Umlauf. Angebot und Nachfrage auf dem Kreditmarkt würden schließlich bestimmen, welcher Anteil an der bereits umlaufenden Geldmenge für die Kreditvergabe durch Geschäftsbanken verwendet wird. Folglich könnte die Geldversorgung der Wirtschaft auch im Fall gewährleistet werden, dass überhaupt keine Kredite nachgefragt und vergeben werden. Die Geschäftsbanken wären reine Geldvermittler und hätten keine Befugnis mehr, privates Giralgeld als quasi-gesetzliches Zahlungsmittel zu schöpfen.

In seinem Artikel behauptet Gastmann auch über das Vollgeld falsche Dinge. So schreibt er, dass im Vollgeldsystem die Zentralbank über jede Kreditvergabe entscheide und die Geschäftsbanken keine Zinsen mehr nehmen dürften. Das stimmt nicht, denn im Vollgeldsystem haften private Investoren für die Bankkredite und die Banken entscheiden, wer gegen entsprechende Zinsen einen Kredit bekommt. Die Zentralbank steuert im Vollgeldsystem die Geldmenge, nicht die Kreditvergabe, und die Marktverhältnisse bestimmen, wie groß der für Kredite verwendete Anteil an der Geldmenge ist.

Gastmann geht noch einen Schritt weiter und unterstellt, indem er sich auf Artikel von mir beruft, dass es eine radikale Variante des Vollgeldsystems gibt, nach der schuldfreie Gelderzeugung bedeuten würde, dass Geld nicht länger verliehen, sondern nur noch verschenkt werden dürfe. Das ist Unsinn. Wenn Gastmann meine Texte aufmerksam gelesen hätte, müsste er wissen, dass ich mich für die oben beschriebene Trennung von öffentlicher Geldschöpfung und privater Kreditvergabe einsetze.

Zum Schluss: Eine Vollgeldreform oder eine ähnliche fundamentale Geldreform ist eine notwendige, aber natürlich bei weitem nicht hinreichende Bedingung für eine ökonomisch stabiles, ökologisch nachhaltiges und sozial gerechtes Finanz- und Wirtschaftssystem.

Mark Joób

 

 

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Prof. Dr. Mark Joób

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