Schweizer Franken sind besser als UBS-Franken

Handelszeitung, Ökonomieblog, 5. November 2016

Noch nie zirkulierte seit der Gründung der Schweizerischen Nationalbank (SNB) vor gut hundert Jahren so wenig Schweizer Franken im Publikum, wie heute. Und es wäre das Ende des Schweizer Frankens als öffentliches Zahlungsmittel, wenn das Bargeld vollständig durch den elektronischen Zahlungsverkehr verdrängt werden würde. Diese Behauptung scheint zunächst übertrieben zu sein. Denn man würde meinen, dass auch auf elektronisch verwalteten Bankkonten Schweizer Franken liegen. Doch das ist nicht der Fall. Das Geld auf den Bankkonten ist kein gesetzliches Zahlungsmittel. Die Kontoinhaber besitzen nicht die offizielle Landeswährung, sondern nur die virtuelle Privatwährung einer Bank.

Heute haben wir nämlich folgende Situation: Für das breite Publikum steht die offizielle Landeswährung ausschliesslich in Form von Bargeld zur Verfügung. Guthaben auf Bankkonten dagegen werden von den Banken bei der Kreditvergabe als private Währung geschaffen. Auch wenn man Bargeld auf sein Konto einzahlt, wird einem nur ein virtuelles Guthaben gutgeschrieben, das Bargeld bleibt zunächst in der Kasse der Bank und zirkuliert nach einer Auszahlung im Publikum weiter. Die Guthaben sind bei den Banken nur zu circa fünf Prozent durch Bargeld in der Kasse gedeckt. Und der Anteil des Bargelds an der gesamten in der Schweiz zirkulierenden Geldmenge beträgt heute lediglich zehn Prozent. Das bedeutet, dass nur jede zehnte Geldeinheit im Publikum ein echter Schweizer Franken ist.

Gewiss: Im Normalfall werden die Privatwährungen der Banken wie die offizielle Landeswährung behandelt und virtuelle Guthaben eins zu eins in Schweizer Franken umgerechnet. Doch gibt es keine Garantie dafür, dass das immer so bleibt.

Der vor wenigen Tagen publizierte Bericht des Internationalen Währungsfonds (IWF) zur globalen Finanzstabilität zeigt, dass es um die Bankenbranche weiterhin schlecht bestellt ist [IMF, Global Financial Stability Report, Oct. 2016]. Der IWF erachtet aktuell rund einen Drittel der europäischen Banken mit über zehntausend Milliarden Euro an verwalteten Vermögenswerten als schwach und langfristig nicht überlebensfähig. Nach Berechnungen des IWF würden auch im Fall einer markanten Erholung der Ertragslage der Bankenbranche ein Viertel der europäischen Banken zu schwach bleiben, sodass sie entweder konsolidiert werden oder aus dem Markt ausscheiden müssten. In einem solchen Umfeld können Bankguthaben kaum als langfristig sicher eingestuft werden. Daran ändert auch die so genannte Einlagensicherung wenig, da sie schon in einer mittelgrossen Krise völlig überfordert wäre.

Der Bundesrat hat in der Vergangenheit mehrfach betont, dass Bankguthaben und Bargeld nicht gleichwertig sind, weil die Sicherheit von Bankguthaben je nach Bonität der kontoführenden Bank unterschiedlich ist [z.B. Stellungnahme des Bundesrates vom 25.4.2012 zur Interpellation 12.3305]. Das bedeutet eben, dass Bankguthaben im Krisenfall einen Wertverlust gegenüber dem Schweizer Franken erleiden und sogar wertlos werden können, während ein Schweizer Franken in Bar immer ein Schweizer Franken bleibt.

Man könnte in dieser Situation den Vorschlag machen, Bankguthaben in Zukunft nicht länger als Schweizer Franken, sondern je nach der kontoführenden Bank zum Beispiel als UBS-Franken und CS-Franken zu bezeichnen. Dadurch würde für die Bankkunden Transparenz geschaffen werden. Aber das grundlegende Problem der mangelnden Sicherheit von Bankguthaben bliebe bestehen. Sowohl für die Banken als auch für ihre Kunden wäre es deshalb viel besser, wenn Sichtguthaben zu gesetzlichem Zahlungsmittel erklärt werden würden. Dann wären diese Guthaben echte Schweizer Franken und ebenso sicher, wie das Bargeld.

Genau das ist das zentrale Ziel der Vollgeld-Initiative, die in absehbarer Zeit zur Abstimmung kommen wird. Die Vollgeld-Initiative sieht nämlich vor, dass neben dem Bargeld auch die elektronisch verwalteten Sichtguthaben durch die SNB emittiert und garantiert werden. Sichtguthaben wären dann nicht mehr Teil der Bankenbilanz und würden deshalb im Krisenfall nicht in die Konkursmasse der Banken fallen. Mit den virtuellen Privatwährungen der Banken wäre es dann vorbei und es müssten auch keine Banken mehr gerettet werden, um Sichtguthaben von Kunden zu sichern.

Mark Joób

Eine gekürzte Fassung dieses Textes ist am 24. Oktober 2016 auf Seite 2 des St. Galler Tagblatts und auf Seite 2 der Luzerner Zeitung erschienen.

 

Vollgeld

Prof. Dr. Mark Joób

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