Im Interesse der Gesamtwirtschaft

Neue Zürcher Zeitung, 4. Juli 2014, Seite 16

Das Geldsystem stellt ähnlich dem Verkehrsnetz eine Infrastruktur von herausragender Bedeutung dar. Das Schweizer Verkehrsnetz ist bekanntlich eines der besten in der Welt und trägt entscheidend zur Attraktivität unseres Landes als Wirtschaftsstandort bei. Im Unterschied zum öffentlichen Verkehrsnetz befindet sich das Geldsystem aber nicht unter der Aufsicht einer Bundesinstanz, die in der Lage ist, das Gesamtinteresse des Landes gegenüber kurzsichtigen Einzelinteressen zu verteidigen.

Gewiss, es gibt die Schweizerische Nationalbank (SNB). Doch ihr fehlen effektive Mittel, um die Geldmenge zu steuern und so für eine stabile Wirtschaft zu sorgen. Heute hängt die Geldmenge nämlich davon ab, wie viele Kredite die Geschäftsbanken vergeben. Unser Geld ist im Wesentlichen Kreditgeld und wird dadurch geschaffen, dass Banken bei der Kreditvergabe einen bestimmten Betrag auf das Konto des Kreditnehmers gutschreiben. Dieser Betrag stammt weder von anderen Bankkunden noch von der SNB, sondern ist eine Kreation der Banken. Wenn die Banken also Kredite vergeben, wächst die Geldmenge in der Wirtschaft. Wenn die Kredite zurückgezahlt und nicht durch neue Kredite ersetzt werden, schrumpft die Geldmenge. Die Veränderung der Leitzinsen durch die SNB ist heute kein geeignetes Mittel mehr, um die Geldmenge zu steuern. Das Beispiel der Europäischen Zentralbank zeigt, dass nicht einmal negative Zinsen allein das erwünschte Ergebnis bringen.

Das Ziel der Vollgeldinitiative besteht nun gerade darin, die Festlegung der Geldmenge von der Kreditvergabe der Banken abzukoppeln und die SNB in die Lage zu versetzen, das Volumen des zirkulierenden Geldes so zu steuern, dass ein stabiles Wirtschaftswachstum ermöglicht wird. Die Vollgeldreform sieht eine klare Aufgabenteilung vor: Die SNB soll für die Geldemission zuständig sein, während die Geschäftsbanken weiterhin Kredite vergeben können, aber – und das ist neu – nur noch aus dem bereits vorhandenen und dafür vorgesehenen Geld. Wie das Verkehrsnetz würde das Geldsystem auf diese Weise zu einer öffentlichen Infrastruktur unter der Kontrolle einer Bundesinstanz werden. Weil sie einen gesetzlichen Auftrag zur Beförderung des Gemeinwohls hat und über alle relevanten Informationen verfügt, ist die SNB die geeignete Institution zur Festlegung der Geldmenge im Interesse der Gesamtwirtschaft. Die Geschäftsbanken sind dazu nicht fähig, weil sie private Interessen vertreten, in Konkurrenz miteinander stehen und somit nicht an einem Strang ziehen.

Die Geschäftsbanken hätten aber auch im Vollgeldsystem die Aufgabe, das Geld der Sparer zu investieren, indem sie Kredite an Private und Unternehmen vergeben. Die Kreditvergabe würde also weiterhin aufgrund des Fachwissens der Geschäftsbanken über die Bonität potenzieller Schuldner erfolgen und es gäbe weiterhin einen freien Kreditmarkt, wo private Akteure miteinander konkurrieren. Nur für die Geldemission wäre die SNB zuständig. Die Situation wäre wie beim Verkehrsnetz: Der Bau der Verkehrsinfrastruktur unterliegt der öffentlichen Kontrolle, während jede Person frei ist, selbst zu entscheiden, mit welchem Verkehrsmittel und wohin sie fahren will.

Durch die Trennung der Geldemission von der Kreditvergabe könnte eine transparente monetäre Rahmenordnung für die Finanzwirtschaft geschaffen werden. Diese Trennung hätte zudem den willkommenen Nebeneffekt, dass das elektronische Buchgeld der Bankkunden zu vollwertigem gesetzlichem Zahlungsmittel umgewandelt wird und die Kundengelder auf den Girokonten auch im Fall einer Bankenpleite nicht verloren gehen. Das Vollgeldsystem macht das sehr komplizierte und höchst ineffiziente Regelwerk für Banken überflüssig, wie es heute aus dem Teilreservesystem, ergänzt mit einer Einlagensicherung und mit Vorschriften zum Eigenkapitalanteil (Basel I bis III) besteht. Vollgeld bedeutet somit nicht mehr, sondern weniger Regulierung.

Falls die monetäre Modernisierung, die die Vollgeldinitiative zum Ziel hat, verwirklicht werden würde, hätte die Schweiz nicht nur eines der besten Verkehrsnetze, sondern auch das stabilste Geldsysteme der Welt.

Mark Joób

 

Vollgeld

Prof. Dr. Mark Joób

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