Vollgeld: eine Alternative zum bestehenden Geldsystem

Oekonomenstimme.org, 14. Januar 2014

„Von all den vielen Arten, das Bankensystem zu organisieren, ist das, was wir heute haben, die schlechteste.“[1] Diese Aussage des Chefs der britischen Nationalbank, Mervyn King, mag etwas überspitzt sein. Doch zeigen auch die Erfahrungen der letzten Jahre eindeutig, dass das bestehende Geld- und Bankensystem seine Aufgabe nur schlecht erfüllt.

Es gibt nun eine praxistaugliche und vernünftige Alternative zum heutigen Geld- und Bankensystem: das so genannte Vollgeld. Das Ziel des Vollgeldkonzepts ist die Wiederherstellung des staatlichen Geldmonopols zum Wohl der Allgemeinheit. Allein Zentralbanken sollen die Befugnis haben, neues Geld in Umlauf zu bringen. Den Geschäftsbanken soll dies verboten werden.

Derzeit besteht bekanntlich  rund 90 Prozent des zirkulierenden Geldes aus dem durch private Geschäftsbanken bei der Kreditvergabe geschaffenen elektronischen Buchgeld. Zentralbanken haben, was den Geldkreislauf im Publikum betrifft, nur bei der Emission von Münzen und Banknoten ein Monopol.

Mit der Ausweitung des staatlichen Geldmonopols auf das elektronische Buchgeld würde eine empfindliche Gesetzeslücke geschlossen, denn das Geldsystem stellt in modernen Gesellschaften eine Infrastruktur von herausragender Bedeutung dar und die Geldemission gehört zu den wichtigsten gesellschaftlichen Steuerungsinstrumenten. Keine Gesellschaft kann deshalb demokratisch gesteuert werden, wenn ihr Geldsystem nicht demokratisch gesteuert wird.

Im Vollgeldsystem soll die Zentralbank deshalb zur vierten, monetären Staatsgewalt neben Legislative, Exekutive und Judikative ausgebaut werden, zu einer Monetative, die volle Kontrolle über die Geldversorgung der Gesellschaft hat. Sowohl das Bargeld als auch das elektronische Buchgeld würden ausschließlich durch die Monetative geschaffen. Die Monetative wäre der demokratischen Aufsicht unterstellt und müsste genauso transparent walten wie andere Staatsorgane. Um die Geldemission in Schranken zu halten und einer parteipolitischen Einflussnahme durch die jeweilige Regierung zu entziehen, wäre die Monetative per Gesetz dazu verpflichtet, die Geldmenge nach dem Wirtschaftswachstum auszurichten, um sowohl eine Deflation als auch eine Inflation der Konsumgüter- und Vermögenspreise zu vermeiden. Zugleich hätte die Zentralbank die Befugnis, den Außenwert der Währung auf dem internationalen Finanzmarkt mittels entsprechender Instrumente inflationsneutral zu steuern.

Auf diese Weise könnte der extrem schwankenden Geldemission der Geschäftsbanken ein Ende gesetzt werden. In Zeiten hohen Wirtschaftswachstums vergeben die Banken freizügig Kredite, um vom Aufschwung zu profitieren, während sie in Zeiten wirtschaftlicher Stagnation oder Rezession bei der Kreditvergabe sehr restriktiv sind, um ihre Risiken zu reduzieren. Auf diese Weise schaffen Geschäftsbanken bei Aufschwung zu viel und bei Abschwung zu wenig Geld und verstärken so die Schwankungen im Wirtschaftszyklus. Diese Schwankungen gehen regelmäßig mit der Bildung von Spekulationsblasen an den Immobilien- und Finanzmärkten einher, die früher oder später platzen und der Gesellschaft sowie dem Bankensektor selbst große Schäden zufügen.

Im Vollgeldsystem würde außerdem die Doppelspurigkeit behoben, die darin besteht, dass im heutigen Geldsystem zwei getrennte Geldkreisläufe nebeneinander existieren. Es gibt einen Geldkreislauf für das Publikum, wo Bargeld oder elektronisches Buchgeld verwendet wird. Parallel dazu gibt es einen zweiten Geldkreislauf für die Geschäftsbanken und die Zentralbank, wo Reserven verbucht werden.

Im Vollgeldsystem dagegen gäbe es nur einen einzigen Geldkreislauf, wo ausschließlich von der Monetative emittiertes gesetzliches Zahlungsmittel zirkulieren würde. Den Geschäftsbanken wäre es verboten, virtuelles Buchgeld zu schaffen. Das von der Monetative geschaffene Geld wäre vollkommen sicher – unabhängig davon, ob es sich in Form von Bargeld oder elektronischem Buchgeld in Umlauf befindet. Reserven wären überflüssig, denn die Einlagen der Bankkunden, die sie nicht als Investition den Banken ausleihen wollen, würden vollwertiges, sicheres Geld verkörpern, eben: Vollgeld. Die Geschäftsbanken würden diese Einlagen lediglich als Treuhändler verwalten, sie aber ohne Einverständnis der Kunden nicht für andere Zwecke wie z.B. Spekulation verwenden dürfen. Die Vollgeldkonten würden somit im Besitz der Bankkunden bleiben und wären nicht Teil der Bankenbilanz. In dieser Situation müssten nie wieder Banken mit Staatsgeldern gestützt werden, um den Zahlungsverkehr zu sichern, denn die nicht investierten Bankeinlagen wären alle vollständig vorhanden. Zugleich hätten die Bankkunden weiterhin die Möglichkeit, ihr Geld den Banken als Investition anzuvertrauen, und würden für das damit verbundene Risiko mit einer entsprechenden Rendite entschädigt.

Auf diese Weise würde bei den Geschäftsbanken eine Entflechtung von Geld und Kredit vollzogen und eine von ihrer Kreditvergabe unabhängige Steuerung der Geldmenge ermöglicht. Für die Geldemission wäre allein die Monetative zuständig, während die Geschäftsbanken nur aus ihrem eigenen und aus dem ihnen von ihren Kunden ausgeliehenen Geld Kredite vergeben könnten.

Eine weitere wichtige Innovation des Vollgeldsystems besteht darin, dass das durch die Monetative neu geschaffene Geld in die Staatskasse eingezahlt und durch Ausgaben der öffentlichen Hand in Umlauf gebracht werden soll. Dadurch würde die Trennung von Geld und Kredit auch bei der Geldemission durch die Monetative vollzogen, was weit reichende positive Auswirkungen für die Gesellschaft hätte. Ein zentrales Problem des heutigen Geldsystems ist nämlich, dass Geld sowohl von Geschäfts- als auch Zentralbanken grundsätzlich als Schuld in Umlauf gelangt. Folglich kann eine angemessene Geldversorgung der Wirtschaft nur gewährleistet werden, wenn sich private und staatliche Akteure verschulden. Eine Erhöhung der Geldmenge bedeutet im bestehenden System immer zugleich eine Erhöhung der Verschuldung, was früher oder später zur Überschuldung einiger Akteure führt. So ist die aktuelle Staatsschuldenkrise das Ergebnis davon, dass die Schulden in den letzten Jahrzehnten systematisch auf die öffentliche Hand abgewälzt worden sind.

Im Vollgeldsystem hingegen würde die Geldemission auch dadurch dem Gemeinwohl dienen, dass dem Staat ein beachtlicher Gewinn aus der Geldemission (Seigniorage) zufiele. Bei einem Wirtschaftswachstum von 2 Prozent würde dieser fortlaufend anfallender Gewinn im Euroraum rund 100 Milliarden Euro und in der Schweiz rund 10 Milliarden Schweizer Franken pro Jahr betragen.[2] Zudem könnten die Staaten am Stichtag der Umstellung vom heutigen Geldsystem auf das Vollgeldsystem sehr hohe einmalige Einnahmen verbuchen. An diesem Tag würde nämlich das in Form von Krediten geschaffene Buchgeld der Geschäftsbanken zu vollwertigem, gesetzlichem Zahlungsmittel umgewandelt, zu Vollgeld also, das nun nicht mehr den Geschäftsbanken, sondern dem Staat geschuldet wird. Die durch die Geschäftsbanken vergebenen Kredite würden zu Krediten der öffentlichen Hand an die Geschäftsbanken und ihre Kunden. Wenn diese Kredite innerhalb einer bestimmten Frist gegen Staatsanleihen getauscht würden, könnten in Deutschland rund zwei Drittel und in Österreich rund 80 Prozent der Staatsschulden getilgt werden; in der Schweiz würden die Kredite der öffentlichen Hand sogar das Doppelte der derzeitigen Staatsschulden betragen.[3] Staatsschulden könnten also ohne drastische Sparmaßnahmen radikal gesenkt werden. Zugleich könnte das durch die Monetative kontinuierlich neu geschaffene Geld von der öffentlichen Hand zur Finanzierung gemeinwohldienlicher Zwecke verwendet werden. Damit würde die Erstverwendung von neuem Geld dem Profitstreben der Geschäftsbanken entzogen und der demokratischen Kontrolle unterstellt. Der kollektive Handlungsspielraum der Gesellschaft würde wesentlich erweitert.

Es lässt sich also zusammenfassend festhalten, dass die Einführung des Vollgeldsystems in hohem Maß dazu beitragen würde, die Demokratie und den Sozialstaat zu stärken, die Real- sowie die Finanzwirtschaft zu stabilisieren, die Sicherheit der Bankeinlagen zu gewährleisten und die soziale Gerechtigkeit zu befördern. Darüber hinaus ist die Umstellung auf Vollgeld unumgänglich, wenn die zerstörerische Wachstumsdynamik des bestehenden Wirtschaftssystems gebändigt und eine ökologisch nachhaltige Entwicklung der Gesellschaft ermöglicht werden soll. Denn das schuldlos in Umlauf gebrachte Vollgeld würde die Wirtschaft von einem großen Teil der Zinslast befreien, die sie heute dazu zwingt, ihre Produktivität und ihre Einnahmen ohne Rücksicht auf die Knappheit der vorhandenen Naturressourcen ständig zu steigern.

Die positiven ökonomischen Auswirkungen einer Umstellung auf das Vollgeldsystem wird in einer aktuellen Studie von Experten des Internationalen Währungsfonds’ eindeutig bestätigt.[4] Die beiden Verfasser der Studie gehen von einem so genannten 100%-Reserve-Ansatz aus, der eine Vorstufe des Vollgeldsystems darstellt, und ihre Ergebnisse zeigen eindrücklich, dass bereits die Realisierung dieser Vorstufe mit wesentlichen Verbesserungen für die Finanz- und Realwirtschaft verbunden wäre.

Bei der Umsetzung des Vollgeldsystems könnten sich natürlich auch Probleme ergeben. So bestünde die Gefahr, dass Geschäftsbanken zu wenig Kredite vergeben, dass die Monetative unter den Einfluss einer kurzsichtigen, inflationären Geldpolitik gerät und dass Geschäftsbanken das Verbot der privaten Geldemission mit der Kreation neuer Finanzprodukte umgehen. Auch wenn diese Probleme zeitweise auftreten würden, wiegen sie wohl nicht so schwer wie die Probleme des bestehenden Geldsystems und mit entsprechenden Regeln und einem ausbalancierten institutionellen Arrangement könnte ihnen entgegengewirkt werden. Eine Vollgeldreform wäre für die Wirtschaft und die Gesellschaft also aller Wahrscheinlichkeit nach sehr vorteilhaft.

[1] Mervyn King in einer Rede am 25. Oktober 2012 an der Buttonwood-Versammlung des  Economist in New York.

[2] Diese Angaben basieren auf den entsprechenden Daten aus dem Jahr 2011 nach: Joseph  Huber  (2013): Monetäre Modernisierung. Zur Zukunft der Geldordnung: Vollgeld und Monetative. Marburg: Metropolis Verlag, S. 170.

[3] Vgl. ebendort, S. 176.

[4] Jaromir Benes und Michael Kumhof (2012): The Chicago Plan Revisited. IMF Working Paper WP/12/202, August 2012.

 

Mark Joób

 

 

 

Vollgeld

Prof. Dr. Mark Joób

arroba

mark

joob.org

Portrait_Joob_2013xb